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Bordmagazin_August_2017

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46 Ein Fiat fährt

46 Ein Fiat fährt gemächlich über den Platz und biegt vor der Kirche scharf ein. Die Reifen quietschen leise auf dem blanken Pflaster. Ein korpulenter Italiener mit schulterlangem grauen Haar und neongrünem Haarband sitzt allein an einem Cafétisch auf dem Kirchplatz und liest Zeitung. Es ist 9:12 Uhr. Ich sitze zwei Tische weiter und tue nichts. Schon seit etwa zweieinhalb Minuten. Und genau dafür bin ich hierher gekommen, nach Conversano an Italiens Südostküste, eine Autostunde nördlich von Brindisi. Ich bin hier, um nichts zu tun, denn wo kann das gelingen, wenn nicht in einer unaufgeregten süditalienischen Kleinstadt? Nichts tun, das hört sich einfach an, aber nur noch selten versuchen wir es oder haben auch nur die Gelegenheit dazu. Es gilt, Lebenszeit zu maximieren. YOLO. You only live once. Also gehen wir zum Yoga- oder Tangokurs, trainieren für den nächsten Triathlon, überwachen unseren Kalorienverbrauch mit Fitness- Apps, buchen den nächsten Urlaub online, lernen zu töpfern – und all das noch bevor der Arbeitstag angefangen hat. Dort beantworten wir E-Mails, während wir ein Telefongespräch führen und gleichzeitig in einer Besprechung mit der Rechnungsabteilung sitzen. Björn Kern, Autor des Buches Das Beste, was wir tun können, ist nichts, fasst die Situation der modernen Gesellschaft so zusammen: „Dieser Wahnsinn des Multitaskings war früher reserviert für Spitzenmanager, heute wird das von jedem Normalsterblichen erwartet.“ Selbst im Urlaub tun wir immer seltener nichts, stehen gar noch früher auf, um die Tauchfahrt mit Walhaien nicht zu verpassen, Yoga bei Sonnenaufgang zu machen oder Schildkröten im Morgengrauen zu streicheln. Jetzt ist es 9:17 Uhr und ich bin unruhig. Ich habe schon zweimal den Stuhl gewechselt, weil ich nicht weiß, ob ich auf das Meer am Horizont oder die kreideweiße Fassade der Kirche schauen will. Ich habe ein Croissant bestellt und bereue nun, das mit Marmelade statt das mit Schokolade gewählt zu haben. Hätte ich nicht doch lieber in das Café mit Blick auf den niedlichen Platz mit den Gemüsemarktständen gehen sollen? Bin ich am richtigen Ort, um nichts zu tun? Nach sieben Minuten am Cafétisch frage ich mich schon leicht nervös, was ich als nächstes tun könnte.

nichtstun _ BRINDISI 47 Die Zeitforscher und Gründer des Zeitberatungsinstituts Times and More, Karlheinz und Jonas Geißler, haben kürzlich das Buch Time is Honey - Vom klugen Umgang mit der Zeit veröffentlicht. Sie sehen in der Erfindung der Uhr gegen Ende des Mittelalters nicht nur den Beginn der Neuzeit, sondern auch den Anfang aller Zeitprobleme: „Die heute viel beklagten zeitlichen Entscheidungsschwierigkeiten, die wir ‚Zeitprobleme‘ nennen, gibt es erst, seitdem man zwischen Uhr und Sonne, Glockenschlag und Hahnenkrähen entscheiden kann und entscheiden muss.“ Erst seit es Uhren gibt, kann Zeit gewonnen, gespart oder gar verschwendet werden. Erst seit wir Zeit in Stunden und Minuten messen, können wir auch zwischen Arbeits- und freier Zeit unterscheiden und dann selbst die Freizeit in genau abgemessene Portionen unterteilen. Time is Honey liest sich wie ein Appell zur Zeitverschwendung, ein Aufruf, die Breite des Tages zu erleben, statt die Länge der Stunden abzustecken. Ein Abschnitt heißt „Muße und Müßiggang - Vom süßen Nichtstun“. Wie genau geht das aber nun: das Nichtstun? Der 73-jährige Karlheinz Geißler hat mir aufgetragen, mich um 8 Uhr in das Café auf der örtlichen Piazza an einen Außentisch zu setzen, einen Cappuccino und eine Brioche zu bestellen und dann zwei Stunden lang einfach dem Geschehen beizuwohnen. Ich hatte von Anfang an gegen die Uhr rebelliert und war zum Nichtstun mehr als eine Stunde zu spät. Brioche gab es auch nicht. Aber jetzt ist es 9:40 Uhr, aus meinem Croissant quillt sonnige Pfirsichmarmelade, zum korpulenten Italiener hat sich ein zweiter gesellt, und auch die anderen Tische füllen sich. Drei Herren in Polohemden diskutieren, ein Pärchen schweigt sich an, vier englische Touristen haben ihre eigenen Sitzkissen dabei. Ich trinke einen Schluck Cappuccino und bin plötzlich vorsichtig optimistisch, dass das Nichtstun doch ganz interessant werden könnte. Ich setze mich nicht mal um, als ein Lastwagen vor dem Café hält und mir die Sicht auf die Kirche versperrt, starre nicht mehr auf die Uhrzeiger der Kirchenuhr. „Einfach mal sein zu dürfen und schauen zu dürfen, das ist gelungenes Nichtstun“, hatte mir Björn Kern erklärt. Dazu braucht man auch gar nicht nach Italien zu fahren, meint er. Er ist glücklicher Besitzer eines reperaturbedürftigen Hauses im Oderbruch. Am Ende seines Grundstücks steht eine Bank unter einem Birnbaum. „Die könnte man so nutzen, in dem man völlig KO nach der 40-Stunden- Woche mal eben am Samstag Abend 20 Minuten da verbringt und sich nach dem Urlaub sehnt.“ Statt in den Urlaub oder in den Baumarkt zu fahren, sitzt er in seinen freien Stunden lieber auf der Bank und schaut den Libellen zu. „Ich ließ das Haus zunächst weitgehend unrenoviert und genieße das, was da ist, statt dem + NICHTSTUN FÜR ALLE Der brasilianische Designer Marcelo Bohrer ist Gründer des Nadism Clubs. „Nadism“ ist abgeleitet vom portugiesischen Wort „nada“, zu deutsch nichts. Diese Bewegung gibt Faulheit einen hohen Stellenwert. Bohrer zog 2014 nach München, wo er Treffen organisiert, bei denen Teilnehmer gemeinsam nichts tun – das nächste Mal am 1. September beim Monopteros Rundtempel im Englischen Garten. nadismclub.com

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Oktober 2015 airberlin magazin - Mal kurz zum Mond
September 2015 airberlin magazin - Ich bin ein Berliner
August 2015 airberlin magazin - Elyas M’Barek
Mai 2015 - airberlin magazin Cosma Shiva Hagen
April 2015 - airberlin magazin - Vielfältiges Curaçao

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